Lieber Nachbar,

manchmal wüsste ich gerne, was du so für Drogen nimmst. Damit ich weiß, welche Kombi einem so dermaßen das Hirn wegblasen kann. Alkohol und Gras sind definitiv dabei. Der Gras-Geruch wabert nur so unter der Tür her und ich habe dich oft genug mit Alk gesehen, auch um halb zehn morgens. Meine Therapeutin vermutet, Koks spielt auch noch ne Rolle, aber da weiß ich nicht, wie du dir das leisten könntest. Denn obwohl du der „geilste DJ“ bist, bist du arbeitslos. Aber du hast ja jede Menge Models an der Hand, von denen sich die fette Schlampe von gegenüber (aka ich) mal ne Scheibe abschneiden könnte.
Aber ganz ehrlich? Das will ich gar nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass deine Models totale Hohlbirnen sein müssen, um sich mit ner Flachpfeife wie dir abzugeben, ich habe noch ein wenig Selbstachtung.

Psychisch kann bei dir auch irgendwas nicht stimmen. Du redest die ganze Zeit vor dich hin, dass du das ganze Haus zusammenschlägst und alles Huhrensöhne und Schlappschwänze sind. (O-Ton 15.08.2016, ca 21:25)
Und du arbeitest ja auch mit ganz berühmten Menschen zusammen, deswegen wirst du in nächster Zeit auch ein paar Monate in Amerika verbringen.*

Heute… Heute hat dir irgendein Heiliger das Internet abgeklemmt. Diese provisorische Leitung, die im Hausflur nicht hinter der Tapete liegt. Und dabei war es so schön ruhig…

Mittwoch geht’s dann vor Gericht. Weil du letztes Jahr deine damalige Freundin zusammengeschlagen hast und C und ich es mitbekommen haben. Ich freue mich schon. Nicht.

Du wärst eigentlich schon längst aus der Wohnung raus. Sie hatten dir schon vor fast zwei Monaten die Wohnung gekündigt. Aber du hast ja nix Neues, also geht’s über den Gerichtsvollzieher. Und das dauert. Leider.

Das mit dem Fahrstuhl waren deine besoffenen Kumpel und du ja auch nicht. Man muss ja nur unten auf die Tür achten, nicht oben. Der ist kaputt, weil ne Frau im zweiten Stock steckengeblieben ist. (Das war ich.) Deswegen steckt er jetzt auch auf unserer Etage fest. Genau.
Und du willst dich schon seit nem Jahr bessern, seit du weißt, dass die Hausverwaltung dich raus haben will. Deswegen war die Polizei allein in den letzten zwei Monaten schon wieder drei Mal da. Oder öfter. Irgendwann hört man auf zu zählen.
Nun, die Polizei ist auch so eine Sache. Wenn sie wissen, dass du der Grund für den Notruf bist, kommen sie direkt mit mehreren. Letztes Mal haben sie dir Handschellen angelegt – weil du ja schon mal gerne ein Messer dabei hast.

Manchmal weiß ich nicht, wie ich es schon so lange mit dir im Haus aushalte. In letzter Zeit wird es jedenfalls schlimmer. Ich habe Angst im Hausflur. Ich habe Angst, dir zu begegnen. Der Nachbarin von nebenan sagst du, du würdest uns nichts tun – aber ich glaube dir nicht.

Du, lieber Nachbar, wärst der perfekte Kandidat für ein High Five. Mit einem Backstein. Ins Gesicht. Mehrmals.

Ich hoffe, du verreckst, Alles Liebe,

die Fette Kuh Von Gegenüber, Die Ne Flasche Schampus Aufmacht, Wenn Du In Den Knast Wanderst Ich

PS: *Bist du dir sicher, dass es Amerika ist und nicht schwedische Gardinen sind?

Zwölf Jahre

Zwölf Jahre ist es her, dass ich zuletzt eine Mandelentzündung hatte.

Klar, zwischendurch hatte ich mal Halsschmerzen. Ein Mal auch eine fiese Rachenentzündung. Aber eben keine Mandelentzündung.
Dementsprechend war ich davon überzeugt, dass die Halsschmerzen, mit denen ich am Dienstag aufgewacht bin, auch nur Halsschmerzen waren. Pustekuchen.

Dienstag- und Mittwochabend letzter Woche hatte ich erhöhte Temperatur, die Schmerzen wurden schlimmer und als ich Donnerstag gar nicht mehr schlucken konnte, bin ich direkt zum Arzt, statt, wie geplant, bis Freitag auf den Heimatbesuch zu warten.
Und der Arzt? „Das erkennt ja ein Schäferhund, dass das ne Mandelentzündung ist.“

Also knapp sieben Tage Penicillin nehmen. Ich bin kein Freund davon, bei jeder Kleinigkeit Antibiotika zu nehmen. Aber zum einen ist eine Mandelentzündung keine Kleinigkeit und zum anderen hab ich zuletzt vor drei Jahren ein Antibiotikum nehmen müssen. Von daher ist das für mich durchaus gerechtfertigt und das wunderbare Gefühl, endlich wieder keine Halsschmerzen zu haben, ist das absolut wert.

Trotzdem. Die nächste Mandelentzündung kann gerne wieder zwölf Jahre auf sich warten lassen. Oder länger. Bin da ja nicht so.

Depressionen – ein Einblick

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„Wie fühlen Sie sich denn, Frau Schusselblume?“

Hm. Ja. Wie fühle ich mich? Wie fühlt man sich denn, wenn man nichts fühlt?

Das ist doch das Interessante. Wenn Menschen Depressionen hören, denken sie oft, man liegt vierundzwanzig Stunden lang im Bett und heult.
Aber so ist das nicht. Zumindest nicht bei mir.

Als das Frau Therapeutin das erste mal gefragt hat, habe ich ihr geantwortet, dass meine Gefühle irgendwo auf ner Nulllinie sind, mit sporadischen Ausschlägen nach oben oder unten.
Und das stimmt. Die meiste Zeit über fühle ich nichts.

Schöne Momente halten kurz an. Wenn ich Glück habe ein paar Stunden. Schlechte Momente bleiben leider meistens länger.

Das oberflächliche Paradoxon? Ich habe Hummeln im Hintern, kriege aber nichts geschafft. Ich schlafe nicht gut, werde aber auch nur sehr schwer müde.
Ich bin angespannt, komme nur schlecht zur Ruhe. Konzentrieren kann ich mich auch nicht. Weinen kann ich schon lange nicht mehr. (So viel zu „ständig traurig“.) Ich bin leichter reizbar, gehe schneller in die Luft. Und alles, wirklich alles, kostet viel mehr Kraft.

Ich versuche, Dinge zu tun, die mir gut tun. Häkeln. Mich mit Freunden treffen. Kochen. Aber das ist einfacher, wenn es mir eh schon gut geht. Und das, obwohl ich weiß, dass es gut für meine Laune ist.

Recovery ist kein geradliniger Prozess. Es geht auf und ab und manchmal auch zurück. Und auch, wenn ich weiß, dass es mir irgendwann wieder besser geht, ist es manchmal schwer, daran zu glauben.

A Mental Problem

“…it’s a mental problem you’ve got!”
“You calling me mental?”
“Yeah, maybe I am!”
(J.K. Rowling – Harry Potter and the Half-Blood Prince)

In letzter Zeit war es wieder etwas ruhiger, entschuldigt. Es stand einiges an (unter anderem waren Freunde von C. zu Besuch) und ich … hm, ja, also ich bin jetzt zum zweiten Mal in Therapie.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich habe kein Problem damit. Es fällt mir nur nicht leicht zu sagen, dass ich Hilfe brauche. Deswegen habe ich es eigentlich seit Ende September/Anfang Oktober letzten Jahres vor mir hergeschoben. Ich war zwar zwei Mal bei der psychologischen Beratung der Uni und die Dame war auch super nett und hat mir geholfen, aber leider ist das dort hauptsächlich eine Anlaufstelle bei Problemen im und mit dem Studium. Deswegen blieb es bei den zwei Besuchen.

Mittlerweile habe ich eine Therapeutin gefunden, die mir sympathisch ist und bei der ich nicht das Gefühl habe, dass sie mir was einreden möchte. (Das Gefühl hatte ich nämlich bei einem Kennenlerngespräch mit einer anderen Psychologin.) Beim Psychiater war ich auch zum ersten Mal, ein netter Herr, da würde ich auch wieder hin gehen.

Ob es mir etwas bringt ist aktuell schwer zu sagen. Ich war erst zwei Mal da. Dafür habe ich die Hausaufgabe von der letzten Sitzung bisher gut umgesetzt: Ich solle mir jeden Tag eine Kleinigkeit gönnen, die mir gut tut.
Freitag habe ich mich dementsprechend mit einer alten Bekannten aus LiveJournal-Zeiten getroffen. Abends habe ich meine Häkelsachen wieder hervor gekramt.
Samstag war ich mit C. im spanischen Kulturzentrum zum Bingo-Abend.
Sonntag habe ich noch lange mit C. im Bett gekuschelt und als er dann aufgebrochen ist, habe ich mir nen Pott Tee* gemacht, mich mit meinen Häkelsachen aufs Bett gelegt, Hörspiel gehört und ein Amigurumi-Tierchen gehäkelt.
Montag habe ich mich mit V. getroffen, wir saßen dann irgendwann im Eiscafé und haben ne Runde Exploding Kittens gespielt.
Und Dienstag, also heute, kam S. vorbei, um endlich die letzten Folgen HIMYM zu sehen. Später kommt noch C. dazu, für den Offline-Spieleabend. Ich freu mich! ♥

* KEIN Affiliate-Link, ich finde ihn nur lecker 🙂

Fünf am Freitag

. Wenn die depressive Phase einen mit nem Tritt in die Magengrube begrüßt und jeden Tag fester zutritt, bis man zusammenbricht, sobald man alleine ist.

. Ich mag meine Familie, aber Ostern mit 30-35 Leuten ist anstrengend.

. Mein Kuchen war keine Schönheit, ist aber an zwei Nachmittagen weg gekommen.

. Bewegung und frische Luft hilft wirklich. War Mittwoch anderthalb Stunden in der Stadt unterwegs und danach ging es mir deutlich besser. (Habe nur ne Packung Cashew-Kerne gekauft, kann also kein „Frust-Shoppen“ gewesen sein.)

. Krankenhaus-Phobie. Habe ich das schon erwähnt?