Hochsensibel?

Ich dachte immer, ich wäre introvertiert. Was ich vermutlich auch bin, aber eben nicht „richtig“, sondern vielleicht so zu 70 oder 80 Prozent.

Und dann bin ich bei Pia über zwei Beiträge gestolpert, in denen ich mich wiedergefunden habe. Zum Teil auch anders, aber ich denke, das ist normal.

Als Kind habe ich es gehasst, Schuhe tragen zu müssen. Meine Mutter hat mir immer wieder gesagt, dass „Suhe aus“ meine ersten Worte waren, wenn wir von einem Spaziergang nach Hause kamen. Noch heute laufe ich im Haus am liebsten Barfuß oder in Socken rum, egal ob Sommer oder Winter. (Was meinen Vater in den Wahnsinn treibt.)
Schuhe kaufen war ein absoluter Horror. Und ist es zum Teil immer noch. Allerdings fliegen die Schuhe, wenn sie zu eng sind, heute nicht mehr durchs Schuhgeschäft. Die Schuhverkäuferinnen haben mich nie verstanden. Objektiv waren die schuhe ideal – subjetkiv waren sie viel, viel zu eng.
Bis ich zehn oder elf war, konnte man mir keine Jeans anziehen. Ich habe das Gefühl des Stoffs auf meiner Haut gehasst. In der Grundschule waren die einzigen Hosen, die ich getragen haben, Cordhosen.
Jahrelang bin ich nur baden gegangen, nicht duschen, weil ich das Gefühl von Wasser, das von oben kam, absolut nicht mochte.

Auch heute noch gibt es solche Dinge.
Ich erschrecke mich schnell.
Laute Geräusche gehen gar nicht. Generell bin ich geräuschempfindlich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Hirn Probleme hat, Geräusche nach Prioritäten zu filtern.

Zum Beispiel am Sonntag im Zug. Vor mir saß ein Kleinkind bei Papa auf dem Schoß und hat gequietscht. Der Mann hinter mir hat mit seiner Mutter telefoniert und ich konnte sogar die Antworten seiner Mutter verstehen. Zwei Reihen hinter mir hat sich ein junger Mann mit einer Frau über Hundeerziehung unterhalten. Auf der anderen Seite des Ganges saßen ein Mann und eine Frau und haben sich auf Englisch unterhalten.
Mein Hirn hat versucht, alle Gespräche zu verfolgen. Was natürlich verdammt schwierig war. Kurz vor dem Ziel hab ich mich gefühlt, als würde ich gleich in die Luft gehen. All die Geräusche waren viel zu viel und ich musste einfach raus.

Ein Gefühl von totaler Überreizung, das schwierig zu beschreiben ist. Als würde die Haut zu eng, als würde man unter Strom stehen, als würde jeder weitere Tropfen die Oberflächenspannung des vollen Wasserglases zerstören.

Ob ich tatsächlich hochsensibel bin? Ich weiß es nicht. Ich habe einen Test gemacht, bei dem das Ergebnis mit folgendem Satz anfing: „Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine HSP.“ Aber es macht so vieles Sinn, was da steht.

Und um weitere „emotionale Grenzfälle“ wie am Sonntag entgegenzuwirken, habe ich mir Kopfhörer mit „Active Noise Cancelling“ gekauft. Zum einen sollen die Geräusche von außen dadurch dämpfen, dass sie dicht am Kopf sitzen und zum anderen kann ich ein Hintergrundrauschen einschalten, im Sinne von White Noise, das andere Geräusche ausschalten, oder abdämpfen kann. Zum Beispiel das Brummen vom Motor im Flugzeug oder das Rattern vom Zug auf den Schienen.
Morgen sollen sie ankommen. Ich bin sehr gespannt.

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2 Gedanken zu “Hochsensibel?

  1. Zugfahrten überstehe ich mit Musik auf den Ohren. Da reichen meistens auch die normalen Kopfhörer, während ich dann parallel lese. Dann bin ich „beschäftigt“… und sehe „nur“ noch im Augenwinkel was so passiert…

    Wenn ich jetzt aber mit ner Freundin Zug fahre und mich mit ihr unterhalte, muss ich mir Mühe geben ihr aufmerksam zuzuhören und den Rest nicht parallel zu sehr zu beachten. Selbiges gilt auf Partys oder in lauteren Räumen. So Gespräche finde ich wirklich mühsam… und weiß danach meistens auch nicht mehr wirklich was besprochen wurde. Ist beim Telefonieren auch so. Da muss ich um mich zu „beruhigen“ noch irgendwelche anderen Dinge nebenher tun.. darunter leidet natürlich die Konzentration. ^^

    Das mit der Jacke ist mir so gar nicht aufgefallen… aber ja. Ich habe bis vor 2 oder 3 Jahren nur Pullis getragen. Keine Jacken. Im Winter trage ich einen Mantel. Das geht. Aber der ist mittlerweile so abgewetzt, dass ich einen neuen bräuchte und das ist … kompliziert. ^^

    Den von dir erwähnten Test habe ich auch gemacht und bin da knapp am Highscore vorbei. ^^ Und ja, ich denke das passt. Ich hab Bücher hier, die ich bisher aber nur überflogen habe…

    Für mich am nervigsten ist ja, dass ich einerseits so schnell überreizt bin.. und anderseits ein gewisses Level an Dauerreizen aufrechterhalten muss um nicht unruhig zu werden..

    Berichte doch mal ob die Kopfhörer dir was bringen… ich könnte sie zwar niemals ertragen, wäre aber neugierig auf einen Bericht 🙂

    • Ha ha, wenn ich mich auf eine Unterhaltung konzentriere, kann es durchaus sein, dass ich alles andere um mich herum absolut nicht mitbekomme. So geschehen auf einer Party Ende Februar. Ich kriege nur ein Wort mit: „Was ist mit XY?“ „Hab ich doch gerade erzählt, hast du nicht zugehört?“ „Nein, ich war bei der Unterhaltung da drüben.“ 😉
      Ich würde gerne mal „Quiet“ von Susan Cain lesen (Dt: „Still: Die Kraft der Introvertierten“), da soll es wohl auch um Hochsensibilität gehen. Aber im Moment lese ich irgendwie immer nur sporadisch und verliere selbst bei tollen Geschichten irgendwie schnell das Interesse. :/
      Ich weiß, was du mit dem „gewissen Leven an Dauerreizen“ meinst. Interessanterweise merke ich, dass das bei mir immer mehr abnimmt. Um konzentriert am PC arbeiten zu können, läuft der Fernseher mittlerweile im unteren fünftel der Lautstärke, da er mich sonst viel zu sehr ablenkt. Was aber vielleicht daran liegt, dass ich seit ungefähr einem Dreiviertel Jahr ein gewisses Grundlevel an Stress habe, und je gestresster ich bin, desto ruhiger muss es um mich herum sein. (Und genau dieses Dreiviertel Jahr ist eben auch der Zeitrahmen, in dem ich bemerkt habe, dass der Fernseher immer leiser wurde und mein „Stresslevel“ langsam, aber kontinuierlich gestiegen ist.)

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